Interview mit Wang Li über Guolin Qigong

Um das medizinische Guolin Qigong näher zu erläutern, eignet sich das folgende Interview mit meiner Ausbilderin, Frau Prof. Wang Li, sehr gut.

Guolin Qigong ist zumindest vom Hörensagen recht bekannt, weil es als Erfolg versprechende Therapie bei Krebserkrankungen gilt. Meist wird damit das so genannte Xi-Xi-Hu-Gehen assoziiert, eine Übung im Gehen mit spezieller Atemtechnik, der Windatmung. Frau Wang Li, die Guolin Qigong direkt von dessen Begründerin erlernte, erläutert im Interview, dass dieses Qigong System darüber hinaus noch weitere wesentliche Übungen umfasst und keineswegs nur zur Behandlung von schweren Erkrankungen dient, sondern auch der Prophylaxe und der persönlichen Entwicklung. In Bezug auf den Einsatz bei Krebserkrankungen betont Frau Wang Li, dass Guolin Qigong, wenn möglich, immer in Kombination mit westlicher und chinesischer Medizin eingesetzt werden sollte und nicht anstelle einer ärztlichen Behandlung. Außerdem wird deutlich, dass in jedem Fall eine klare Diagnose erforderlich ist, um die individuell sinnvollen Übungen und die richtige Ausführung auszuwählen. Genaue Anleitung und Korrektur der Übenden durch qualifizierte Lehrer für Guolin Qigong sind von großer Wichtigkeit, um die angestrebten Wirkungen zu erzielen und Nebenwirkungen zu vermeiden.

Im folgenden Interview öffnen sich die Antworten, wenn Sie die Frage anklicken.

Frau Wang Li, wie sind Sie dazu gekommen, Qigong zu lernen und zu unterrichten?

Im Jahr 1979 war ich schwer krank, den ganzen Tag lag ich im Bett. Wenn ich aufstand, drehte sich alles. Es ging mir sehr schlecht, die Augen konnte ich auch nicht aufmachen. Natürlich habe ich den Arzt besucht und Tabletten eingenommen, aber das hat nicht viel geholfen. Ich hatte damals einen Nachbarn. Er hatte eine Herzkrankheit und lernte Guolin Qigong. Er schlug mir vor, ebenfalls Qigong zu lernen. Bis dahin kannte ich Qigong gar nicht.

Ich wohnte zu der Zeit in der Nähe vom Sommerpalast in Beijing, wo Frau Guo Lin ihre Kurse hielt, so dass ich die Chance hatte, bei ihr persönlich diese Qigong Art zu lernen. Dann bin ich in zwei Monaten wieder gesund geworden. Das hatte ich gar nicht erwartet und war so beeindruckt, dass ich mich seither immer für Qigong interessiert habe, und ich lernte weiter Guolin Qigong. Dann habe ich ein Jahr die "China Academy of Qigong" unter Professor Lin Zhong-Peng in Beijing besucht und Qigong Geschichte und auch Grundkenntnisse der chinesischen Medizin studiert. In meiner freien Zeit lernte ich im Institut für chinesische Medizin, das inzwischen eine Universität ist. 1991 kam ich dann zusammen mit meinem Mann nach Deutschland.

Was ist das Spezielle am Guolin Qigong?

Frau Guo Lin war selbst schwer krank. Sie hatte Gebärmutterkrebs und Metastasen in der Blase. Das war im Jahre 1949, sie hatte sechs Operationen gehabt. Als Kind hatte sie bei ihrem Großvater Kinder Qigong gelernt, aber diese Art konnte ihr nicht mehr helfen. Deshalb hat sie viele Großmeister besucht und viel von buddhistischen und auch daoistischen Qigong-Arten dazugelernt und daraus ihre eigene Qigong Art entwickelt. Damals nannte sie diese Art das “Neue Qigong" und jetzt nennen wir sie Guolin Qigong. Frau Guo Lin war also das erste Beispiel für dessen Wirksamkeit - sie war wieder gesund geworden. Seit Anfang der 70er Jahre begann sie, in Beijing diese Qigong Art zu lehren. Die meisten Lernenden waren Krebskranke oder Menschen mit chronischen Erkrankungen. Frau Guo Lin betonte immer, dass man Guolin Qigong neben westlicher Schulmedizin und chinesischer Medizin macht. Nach ihrer Auffassung bekämpft die Schulmedizin Krebs mit äußeren Kräften: Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung. Guolin-Qigong arbeitet hingegen mit inneren Kräften, mit aktivierten und gestärkten Selbstheilungskräften. Fast 40Jahre Erfahrungen in China zeigen, dass dies ein effektiver Weg ist.

Fünf Methoden werden im Guolin Qigong zum Stärken und Leiten des Qi eingesetzt: die Vorstellung (Willen und Bewusstsein), verschiedene Haltungen von Händen, Füßen und Körper, die besonderen Atemtechniken Windatmung und Qi-Atmung, Qi-Massage und die Stimme. Frau Guo Lin war es wichtig, an der frischen Luft und in Gruppen zu üben. In der Natur kann man mehr Sauerstoff aufnehmen. In der Gruppe können sich die Leute psychologisch unterstützen, dadurch wird gute Stimmung verbreitet. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Ausgleich der Emotionen. Freude, Zorn, Besorgnis, Grübeln, Traurigkeit, Angst und Schreck sind sieben normale Gefühle, können nach Auffassung der chinesischen Medizin im Übermaß jedoch die Gesundheit schädigen.

Frau Guo Lin lehrte nicht nur ihr Qigong, sondern kümmerte sich auch sehr um das Leben ihrer Schüler. Gute Stimmung und eine harmonische Atmosphäre in Familie und Übungsgruppe waren ihr sehr wichtig für den Genesungsprozess.

Wenn die Windatmung so effektiv ist, warum wird sie nur selten benutzt?

Wenn man diese Atmung nicht richtig machen kann, dann können Nebenwirkungen auftreten. Es soll buddhistische Quellen geben, die ganz davon abraten, weil sie mehr Nachteile als Vorteile biete. Frau Guo Lin hat diese Atemtechnik abgewandelt. Die Zunge sinkt nicht mehr runter beim Ausatmen, sondern die Zungenspitze liegt leicht am Gaumen hinter den Schneidezähnen bei Übungen mit Windatmung. Man muss jedoch immer darauf achten, die Atmung mit den Bewegungen der Arme, der Hände, der Füße und des Rumpfes zu koordinieren und sein eigenes Tempo zu finden. Wenn man es nicht richtig macht, kann es vorkommen, dass das Qi im Körper durcheinander gerät, nicht mehr entlang der Meridiane fließt. Man fühlt sich nicht wohl, wenn das Qi den Körper nicht richtig durch läuft.

Besteht auch die Gefahr, dass man hyperventiliert, also zuviel Sauerstoff einatmet und zuwenig ausatmet?

Nein, man atmet zweimal kurz ein und einmal kurz aus, aber die Zeitspanne ist jeweils ungefähr gleich. Man hat in Beijing schon Versuche gemacht, in denen nachgewiesen wurde, dass man nach dem Üben mehr Sauerstoff im Körper hat. Eine spezielle Übung mit einem sehr schnellen Atemrhythmus ist dafür besonders effektiv. Dabei atmet man einmal ein und einmal aus. Diese Übung soll man langsam aufbauen. Wenn man es allerdings falsch übt, dann fühlt man sich nicht wohl und wie erstickt. Es kann sogar noch schlimmer sein. In Beijing hatten wir einmal so einen Fall, eine junge Frau, die wollte schnell lernen, viel lernen. Sie hatte die Grundstufe bereits gelernt, beherrschte sie aber noch nicht so gut. Und dann lernte sie weiter und es trat dieses Phänomen ein, dass das Qi nicht mehr richtig im Körper zirkulierte. Sie fühlte sich nicht wohl und konnte gar nicht mehr üben. Frau Guo Lin hat ihr geholfen, ich glaube in einem Jahr - es hat lange gedauert, ehe es wieder in Ordnung war. Deshalb soll man richtig lernen, langsam und richtig.

Wie ist es mit Bluthochdruck oder zu niedrigem Blutdruck?

Guolin Qigong ist sehr effektiv gegen Blutdruckbeschwerden. Dafür haben wir dann unterschiedliche Haltungen und Atemtechniken. Für die Ausrichtung etwa der Handflächen gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die man genau lernen und regulieren muss. Zum Beispiel richten Tumorpatienten beim Gehen die Handflächen zum Boden. Für Gesunde oder chronisch Erkrankte kann man andere Arten einsetzen. Auch die Körperhaltung und die Ausführung der Übungen unterscheiden sich für die verschiedenen Patienten. Deshalb ist eine differenzierte Diagnose ein Kernpunkt im Guolin Qigong. Je nach Gesundheitszustand müssen die geeigneten Übungen mit der jeweils richtigen Ausführung gewählt werden. Das gilt sowohl für unterschiedliche Erkrankungen als auch für das Stadium einer Erkrankung. Blutkrebspatienten sollen zum Beispiel die Übung "Fußstab" lernen, wenn sie die Grundübungen schon ausführen können. Bei Krebspatienten sollen die Übungen mit Windatmung nach der Genesung langsam reduziert, dafür andere Übungen ergänzt werden.

Hier ist ja das so genannte Xi-Xi-Hu-Gehen am meisten bekannt unter Guolin-Qigong. Was für Übungen gehören noch dazu?

Xi-Xi-Hu bezeichnet nur das Ein-Ein-Ausatmen, also diese Form der Windatmung. GuolinQigong ist ein großes System mit Grundstufe, Mittelstufe und Oberstufe. In der Grundstufe sind zehn Basisübungen zu lernen. Davon macht man folgende Übungen mit der Xi-Xi-Hu-Atmung:

  • "Das natürliche Gehen mit mittlerer Windatmung"
  • Gehübungen in verschiedenen Geschwindigkeiten:
  • "Beschleunigtes Gehen mit schwacher Windatmung"
  • "Schnelles Gehen mit mittlerer Windatmung"
  • "Besonders schnelles Gehen mit starker Windatmung"
  • Schrittübung mit Auftippen der Fußspitze in drei Rhythmen mit mittlerer Windatmung
  • "Stehende Übung mit Windatmung"
  • "Langsames Gehen mit normaler Atmung"
  • "Heben-Senken-Öffnen-Schließen", für Entspannung und Ruhe
  • Übung mit dem Fußstab
  • Übung mit dem Handstab
  • Kopfmassage
  • Fußmasse

Die Basisübungen werden vor allem zum Heilen, Ableiten, Aufbauen und Regulieren genutzt. Die Mittelstufe dient dazu, die positive Wirkung, die bereits erreicht wurde, zu festigen. Die höhere Stufe ist für ein längeres Leben. Das heißt, die übt man, wenn man wieder gesund ist.

Worin genau liegt die Schwierigkeit? Welche Fehler führen zu diesen Nebenwirkungen, dass das Qi falsch läuft?

Bei der Windatmung soll das Tempo mit den Füßen, also dem Gehen, übereinstimmen. Manche atmen schneller, aber gehen langsamer, also nicht koordiniert. Außerdem ist bei der Windatmung zu beachten, dass man nicht zuviel einatmet und dann alles ausatmet - das ist auch nicht richtig. Beim Einatmen soll die Lunge nicht zu voll und beim Ausatmen auch nicht alles ausgeatmet werden. Aber wie kann man es richtig machen?

Das Prinzip ist ja schon da, aber man soll das eigene Tempo suchen. Das Wichtige ist, dass man sich gut fühlt, angenehm, dann ist der Rhythmus okay. Man muss einerseits seinen eigenen Rhythmus finden und gleichzeitig braucht man längere Zeit jemanden, der guckt und sagt, ob das richtig ist oder nicht, was man tut. Die Verbindung zu einem Lehrer ist sehr wichtig, besonders im ersten Stadium der Grundübungen.

Gibt es irgendwelche Krankheiten oder Kontraindikationen, mit denen jemand diese Qigong Übungen nicht praktizieren darf?

Ja, zum Beispiel Geisteskrankheiten oder schwere psychische Störungen.

Auf der ersten Stufe sind das ja alles Übungen, die hauptsächlich mit Bewegung und Atmung arbeiten, also Donggong. Spielt die Vorstellung dabei auch eine Rolle?

Ja. Wir setzen bei der Übung "Das langsame Gehen“ auch die Vorstellung ein. Aber diese bewegt sich nicht im Körper, sondern außerhalb davon. Wenn man zum Beispiel Bluthochdruck hat, benutzt man die Vorstellung von einer grünen Wiese. Wenn man Nierenprobleme hat, nimmt man eine Vorstellung von dunklen Farben, wie die Farbe von dunklen Tulpen. Wenn man Lungenprobleme hat, kann man sich weiße Dinge wie Schnee vorstellen - aber nicht der fallende, sondern stiller Schnee. Die Vorstellung kann auch ein Wort oder ein Satz sein, wie "ich bin Gesund", "Glück" und so weiter. Das nennen wir "Die tausend Gedanken werden durch einen ersetzt". Dadurch kann man mehr Qi aktivieren.

Wie übt man in der Mittelstufe?

In der Mittelstufe arbeitet man mehr mit Vorstellungen. Aufbauen, regulieren, normale Atmung wird mehr genutzt, weniger Windatmung. Man lernt die Hüften zu entspannen und langsames Gehen zum Ausgleich von Yin und Yang. Weiterhin gehören dazu die "Acht Brokatübungen des Neuen Qigong". Insgesamt gibt es etwa zehn verschiedene Übungen, überwiegend in Bewegung.

Was für Übungen gibt es in der Oberstufe?

Die meisten Übungen der Oberstufe werden sitzend oder liegend ausgeführt. Es sind Stille-Übungen, bei denen man mit der Vorstellung arbeitet. Man bewegt sich weniger. Die Vorstellung kann sich beispielsweise auf einzelne Organe richten. Die Atmung ist normal, keine Windatmung. Zur Oberstufe gehört auch eine von Frau Guo Lin modifizierte Form vom "Spiel der fünf Tiere".

Übt man weiterhin das Gehen oder macht man das in der Oberstufe nicht mehr?

Die Gehübungen werden immer weiter geübt. Darauf muss man aufpassen. Tumorpatienten zum Beispiel sollen, auch wenn sie wieder gesund sind, regelmäßig üben. Man sollte nicht ganz aufhören, nur die Übungsdauer wird kürzer und manche Übungen werden etwas verändert.

Wie viel muss man denn üben?

Das natürliche Gehen mit mittlerer Windatmung macht man 40 Minuten, jedes Bein 20 Minuten. Für Gesunde kann man eine halbe Stunde machen, jedes Bein 15 Minuten. Wie oft hängt davon ab, wie der Gesundheitszustand ist. Wenn die Krankheit sehr schwer ist und man beispielsweise schon Metastasen hat, sollte man das schnelle Gehen jeden Tag zweimal 20 Minuten lang machen. Dazu kommen weitere Übungen. Insgesamt muss man zwei, drei Stunden üben.

Guolin Qigong ist ja bei uns vor allem als “Krebs-Qigong" bekannt. Ist es auch bei anderen Krankheiten wirkungsvoll?

Ja, es ist nicht nur für Tumorpatienten geeignet, sondern auch bei anderen Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Diabetes, Lupus Erythematodes (tuberkulöse Hauterkrankung), Leberentzündung, Sklerodermie (krankhafte Quellung des Bindegewebes mit Verhärtung der Haut), Leberzirrhose und vielen anderen. Der Schwerpunkt vom GuolinQigong ist, die Nierenfunktion zu stärken. Yin und Yang werden wieder ins Gleichgewicht gebracht.

Sie arbeiten mit einer westlichen Schulmediziner-Diagnose, die die Teilnehmer mitbringen. Benötigen Sie keine chinesische Diagnose?

Doch. Normalerweise gehört Krebs beispielsweise, nach der chinesischen Medizin, zu den Füllekrankheiten. Deshalb soll man bei den Übungen prinzipiell mehr ableitende Haltungen einnehmen. Aber man muss den Einzelfall betrachten. Die Grundlage des GuolinQigong ist eine Differenzialdiagnose.